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19. August 2015
Lighting Design ›

Gutes Licht: Mit LEDs, Lux oder Effektivität planen?

Voilà: Eine Lichtplanung mit LEDs!

Beim Betrachten der letzten Urlaubsfotos vom Mittelmeer gerät der junge Bauherr ins Schwärmen: Das glitzernde Lichtspiel der Sonne im Wasser verdrängt alle Gedanken an den stressigen Arbeitsalltag. Spektakulär waren die Sonnenuntergänge mit ihrem kontrastreichen Farbenspiel. Wieder zuhause angekommen, steht die erste Besprechung mit dem Lichtplaner für das neue Bürogebäude auf dem Terminplan. Inspiriert von zahlreichen LED-Leuchten in Büro- und Lichtmagazinen hat sich beim Bauherren eine klare Zielvorstellung für gutes Licht herauskristallisiert: Eine Lichtplanung mit LEDs, denn diese sind modern und sparen Energie. Doch gerade unter dem Eindruck seiner Urlaubserinnerungen sollte sich der Bauherr eher mit der Frage beschäftigen, welche Qualitäten des Tageslichtes ihn am Mittelmeer eigentlich beeindruckt haben und wie sich diese auf eine Kunstlichtplanung übertragen lassen.

Im Zeitalter leistungsstarker Leuchtdioden treffen Planer häufig auf Kunden, die mit großer Entschlossenheit ihre ganzen Vorstellungen von gutem Licht mit dem Begriff LED zusammenfassen. So wenig wie sich ein schöner Urlaub mit dem Transportmedium Flugzeug oder Auto sinnvoll kommunizieren lässt, so wenig hilfreich ist das Wort LED als Vision für ein angemessenes Lichtkonzept. Sicherlich tragen technische Merkmale wie lange Lebensdauer oder hohe Lichtausbeute zu einer wirtschaftlichen Lichtlösung bei. Jedoch gewinnt der Planer kein klares Anforderungsprofil hinsichtlich der gewünschten Atmosphäre und den einzelnen Lichtwirkungen. Der Freibrief des Bauherren vorranging in LEDs zu denken, bietet keine Garantie für eine gelungene Lichtplanung. Vielmehr erfordert ein erfolgreicher Entwurf zunächst den Austausch über Lichtqualitäten, aus denen sich die Werkzeuge zum Erreichen einer Beleuchtungsstrategie ableiten lassen und am Ende die Auswahl der geeigneten Leuchtmittel folgt. Mit der Einführung neuer Technologien zur Lichterzeugung – früher die Leuchtstofflampe und heute die LED – hat sich der Prozess der qualitativen Lichtplanung jedenfalls nicht geändert. Priorität hat das Lichtkonzept, das Leuchtmittel dient nur als Werkzeug zur Umsetzung.

Image c Andrea Kennard 2009

Perfekt nach Zahlen planen?

Neben dem technikaffinen Auftraggeber, der seine Lichtvorstellungen mit dem Wort LED bündelt, existiert ein zweiter Typus, der die perfekte Beleuchtungsplanung rein über Kennzahlen wie Beleuchtungsstärke und Gleichmäßigkeit definiert. Auf Sicherheit bedacht, stützt er sich auf Normen wie zum Beispiel die aktuelle EN 12464-1, die die geeignete Beleuchtung für einen Arbeitsplatz beispielsweise mit vier Merkmalen zusammenfasst: Beleuchtungsstärke ≥ 500 lx, Blendungsbewertung ≤ 19, Gleichmäßigkeit ≥ 0,6 und Farbwiedergabe ≥ 80. Damit erhält der Planer zwar einige technische Indikatoren, allerdings dominiert hier ein quantitatives Verständnis von Licht, bei dem gestalterische Aspekte komplett außen vor bleiben. Kaum jemand würde die Entscheidung für ein Urlaubsziel oder den Kauf einer Immobilie ausschließlich von vier Zahlen wie Quadratmeter, Zimmeranzahl, Raumhöhe und Energieverbrauch abhängig machen. Oft verwenden wir viel Zeit, um bei vergleichbaren allgemeinen Kenndaten die passende Auswahl aus einer Vielfalt von Grundrissaufteilungen und Ausblicken auf die Umgebung zu treffen. Das Denken nach Norm zielt in erster Linie auf Sicherheit und Lesbarkeit beim Arbeiten, die Gestaltung bleibt unberücksichtigt. Akribisch verfolgt ein solcher Auftraggeber im Projektverlauf die präzise Einhaltung der Kennzahlen, obwohl er visuell die Einhaltung der Werte nicht feststellen und Abweichungen kaum registrieren kann. Die Suche nach einer qualitativ guten Lichtlösung bleibt weiterhin vage.

171 Collins Street, Melbourne, Australia. Lighting design by Paul Beale, Jess Perry, Electrolight. Architecture by Bates Smart Architects. Photography by Peter Clarke, Dean Bradley.

Attraktive Lichtkonzepte ohne LEDs und Zahlen entwickeln?

Im klaren Bewusstsein, dass die Kriterien Beleuchtungsstärke und Gleichmäßigkeit kaum zu einer angemessenen Lichtlösung für Wohlbefinden und Architektur führen, hatten bereits einige Pioniere der Lichtplanung wie Stanley McCandless, Howard Brandston oder Richard Kelly einen deutlichen Perspektivwechsel eingenommen. Sie fragten bei dem Aufbau eines Lichtkonzepts nicht nach Quantität, sondern nach der Qualität und damit nach der Effektivität von Beleuchtung. Das Ziel ihrer Lichtplanung ging weit über Effizienz, Lesbarkeit und Sicherheit hinaus. Die Fragen nach der emotionalen Wirkung, der Atmosphäre für unterschiedliche Situationen im Tagesverlauf oder das Hervorheben von Material und Architektur gehören seitdem zu den Maximen der qualitativen Lichtgestaltung. Zudem zeigt uns die Natur mit ihren vielfältigen und permanent wechselnden Eigenschaften wie Helligkeit, Farbtemperatur, gerichtetes und diffuses Licht, Brillanz und Lichtrichtung wichtige Merkmale für eine attraktive Beleuchtung auf. Die qualitative Lichtplanung setzt beim Menschen an und fragt in der Projektanalyse nach den Bedürfnissen und Anforderungen, beispielsweise von Privatsphäre oder Öffentlichkeit, Ruhe oder Vitalität. Allein durch den Wechsel von einer breiten Lichtverteilung zu eng strahlenden Lichtkegeln kann sich ein Restaurant durch die Beleuchtung der Tische von einem weiten, ungemütlichen Raum in Inseln privater Kommunikation verwandeln. In Hinblick auf die Architektur untersucht die qualitative Lichtplanung unter anderem wie sich die Orientierung im Gebäude mit Licht fördern lässt und wie sich Materialien optimal zur Geltung bringen lassen. Gute Beleuchtungskonzepte müssen ganzheitlich auf Funktion, Psychologie, Architektur, Wirtschaftlichkeit und Ökologie eingehen. Sonst lässt sich ihnen leider keine Attraktivität und Nachhaltigkeit attestieren.

Was verlieren wir, wenn Sehen und Wohlbefinden gewinnen?

Fokussieren wir uns bei der Konzeption auf die Lichtwirkung als Ziel guter Beleuchtung, so sinkt zunächst die Relevanz der Lichterzeugung von Lampe und Leuchte zugunsten der menschlichen Wahrnehmung und dem Wohlbefinden. Auch das Kriterium der Beleuchtungsstärke verliert an Wichtigkeit, bei dem wir nur messen wieviel Licht auf eine Fläche auftrifft, aber nicht welche Bedeutung Flächen für die Helligkeitswahrnehmung der Umgebung haben und wie diese das Licht ins Auge reflektieren. Wichtiger wird der Raum mit seinen Flächen und Objekten, die bei unterschiedlichen Nutzungen besonders im Wahrnehmungsbereich liegen. Hierbei fallen Wände besonders ins Gewicht, die bei Lichtlösungen oft wenig berücksichtigt werden, jedoch einen großen Bereich im Gesichtsfeld einnehmen. Mit der Entscheidung für eine qualitative Lichtplanung löst man sich zudem von einem einfachen Verständnis von Licht, das sich aus der Kombination einzelner weniger Parameter zusammensetzt und von schnellen Resultaten getrieben ist. Dass schließlich energieeffiziente Leuchtmittel und Leuchten sowie technische und ökonomische Aspekte nicht ignoriert werden, gehört zum Selbstverständnis nachhaltiger Lichtplanung.