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Lässt sich Nachhaltigkeit regulieren?
Chancen der Gebäudeautomation
im DGNB System.

Dietmar Half, 11. November 2015

In der aktuellen Baupraxis zeichnen sich immer deutlicher zwei strategische Lösungsansätze ab, welche die technische Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit entscheidend prägen werden. 

Lösungsansatz 1: Der Staat soll regulieren

Das Kyoto-Protokoll aus dem Jahre 1997 hat zum ersten Mal rechtsverbindliche Zusagen zum Klimaschutz festgelegt. Alle 190 Staaten, die das Protokoll ratifiziert haben, verpflichten sich, eine nachhaltige Entwicklung zu fördern und entsprechend der nationalen Gegebenheiten Maßnahmen umzusetzen. Auch für den Bausektor ergeben sich daraus Anknüpfungsmöglichkeiten:

» […] Verbesserung der Energieeffizienz in maßgeblichen Bereichen der Volkswirtschaft; […]«

» […] Erforschung und Förderung, Entwicklung und vermehrte Nutzung von neuen und erneuerbaren Energieformen, von Technologien zur Bindung von Kohlendioxid und von fortschrittlichen und innovativen umweltverträglichen Technologien; […]«

Beide Strategien finden sich sowohl in den entsprechenden Richtlinien der EU als auch im Energiekonzept von Deutschland aus dem Jahre 2010 wieder, das erstmals die energiepolitische Ausrichtung Deutschlands bis zum Jahr 2050 beschreibt. Der bis dahin angestrebte nahezu klimaneutrale Gebäudebestand soll auch über eine kontinuierliche Verschärfung der Energieeinsparverordnung (aktuell EnEV 2014) umgesetzt werden.

 

Lösungsansatz 2: Der Markt soll regulieren

Politische Regulierung ist sicherlich notwendig, aber ebenso wichtig ist es, die Kräfte des Marktes zu nutzen. Im Bausektor bedeutet das in erster Linie, nachhaltige Immobilien am Markt zu etablieren. Die ökologischen, ökonomischen und sozialen Qualitäten dieser Immobilien werden sich, unterstützt durch Standardisierung bzw. Zertifizierung, gegenüber der konventionellen Baupraxis nach und nach als das bessere Geschäft erweisen und sich somit langfristig durchsetzen. 

 

Während sich die gesetzlichen Regulierungen im Kern auf die Energieeffizienz und den verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien im Gebäudebereich konzentrieren, gehen Gebäudezertifizierungssysteme weit darüber hinaus. Weltweit gibt es eine ganze Reihe von nationalen- und internationalen Zertifizierungssystemen. In Deutschland ist neben BREEAM (Building Research Establishment Environmental Assessment Method) und LEED (Leadership in Energy and Environmental Design) das DGNB-System (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen) am meisten verbreitet. 

 

Das DGNB-System

Eine der Hauptaufgaben der DGNB (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e.V.) ist die Vergabe des Zertifikats für nachhaltige Gebäude. Damit werden Bauten zertifiziert, die umweltfreundlich, wirtschaftlich und komfortabel sind und sich nachhaltig in ihr städtebauliches Umfeld integrieren. Das Zertifizierungssystem wird kontinuierlich für unterschiedliche bauliche Nutzungen und Varianten weiterentwickelt, so dass von Büro- und Verwaltungsgebäuden über Industriebauten bis hin zu ganzen Stadtquartieren alle Nutzungen abgedeckt sind. Insgesamt definiert das DGNB-System sechs Themenfelder, die bei Planung und Bau eines nachhaltigen Bauwerks berücksichtigt werden müssen: ökologische Qualität, ökonomische Qualität, soziokulturelle und funktionale Qualität, technische Qualität, Prozessqualität und Standortqualität. Jedes Themenfeld beinhaltet spezielle Kriterien, die je nach Nutzungsprofil mit unterschiedlicher Gewichtung in die Gesamtbewertung einfließen. Grundsätzlich betrachtet das DGNB Zertifikat den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks. Je früher diese Kriterien also in der Planungsphase berücksichtigt werden, desto konsequenter kann die Qualität eines Bauwerks beeinflusst werden. Je nach Erfüllungsgrad der definierten Anforderungen erhält das Gebäude eine Auszeichnung in Bronze, Silber Gold oder Platin.

Das DGNB-System: expliziter und impliziter Einfluss von Gebäudeautomation

Welche Rolle aber spielt der Einsatz von Gebäudeautomation im DGNB-System? An dieser Stelle dient das Nutzungsprofil Neubau »Büro- und Verwaltungsgebäude« (Version 2015.2) als ein typisches Beispiel. Auf den ersten Blick scheint das Thema Gebäudeautomation hier keine entscheidende Rolle innerhalb der umfangreichen Bewertungskriterien zu spielen: Das Kriterium TEC1.4 »Anpassungsfähigkeit der technischen Systeme« bewertet unter Punkt 3 »Systemintegration in die vorhandenen Gewerke« den Einsatz von Gebäudeautomation in zweifacher Hinsicht: Erstens ist für eine höhere Bewertung die Planung gemäß den Leitsätzen von ISO EN DIN 16484 entscheidend und zweitens, ob offene und genormte Protokolle zum Einsatz kommen. Darüber hinaus wird bewertet, inwieweit diverse Funktionen wie Beleuchtung, Heizung, Lüftung oder Kühlung in ein übergeordnetes System integriert sind. 

Auf den ersten Blick bietet die Gebäudeautomation im DGNB-System derzeit also ein eher kleines Bewertungspotential von nur wenigen Prozentpunkten, was in etwa dem geringen Investitionsvolumen im Rahmen der Baukosten entspricht. Oder anders formuliert: Gebäudeautomation ist für die verantwortlichen Planer aktuell eher unbedeutende Nebensache und steht nicht im Fokus der integralen Planung von Architekten und Ingenieuren.

Auf den zweiten Blick ergibt sich allerdings ein differenzierteres Bild: Gebäudeautomation ist bereits heute implizit ein gewichtiges Bewertungspotential, das sich in diversen Kriterien strukturell abzeichnet. Die Berechnungen der Ökobilanzwerte in den Kriterien ENV1.1 »Ökobilanz-emissionsbedingte Umwelteinwirkungen« und ENV2.1 »Ökobilanz-Ressourcenverbrauch« folgen dem gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes und beziehen somit Herstellung, Nutzung und Rückbau bzw. Entsorgung mit ein. Die Ökobilanz der Nutzungsphase beinhaltet dabei u.a. den berechneten Endenergiebedarf für Strom und Wärme entsprechend der Berechnungen nach EnEV 2014 bzw. DIN V 18599 »Energetische Bewertung von Gebäuden« als zugehöriger Berechnungsnorm. Wichtiges Detail: In der aktuellen DIN V 18599 wird in Teil 11 erstmals der Einfluss von Gebäudeautomation berücksichtigt. Strukturell entsprechen die hier aufgeführten Automatisierungsgrade mit ihren Gewerke übergreifenden Funktionsclustern den gleichnamigen Funktionsklassen A–D der EN 15232 »Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden – Einfluss von Gebäudeautomation und Gebäudemanagement«, wobei Effizienzklasse A besonders hoch effiziente Automationssysteme beinhaltet und Effizienzklasse D quasi als »Sanierungsfall« gilt. 

 

 

Pflicht oder Kür?

Da sich das DGNB-System auf die Normen EnEV bzw. DIN V 18599 bezieht wird die Nachhaltigkeit quasi gleichermaßen über Staat (Pflicht) und Markt (Kür) reguliert. Der Einfluss von Gebäudeautomation ist hier explizit eher unbedeutend, implizit zeichnet sich aber in struktureller Hinsicht ein aussichtsreiches Potential ab: Dieses bietet den zentralen Hebelpunkt für eine intelligenter angelegte Nachhaltigkeit von Gebäuden. Es ist nicht vorstellbar, dass ausgerechnet das DGNB-System als Synonym deutscher Bauqualität das Potential intelligenter Gebäude (Smart Building) in naher Zukunft nicht heben kann.