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07. Dezember 2016
Smart Building ›

High Tech versus Low Tech: Welchen Weg schlägt das Smart Building ein?

Das Hamburger »Apartimentum« ist eine Anlage von technisch hochgerüsteten Luxuswohnungen hinter Gründerzeitfassade. Der Investor Lars Hinrichs will dort voll vernetztes »Flatrate-Wohnen« bieten – zu vier- bis fünfstelligen Monatsmieten und mit Nest-Thermostaten, IP-gesteuerten Wasserhähnen, Push-Benachrichtigungen bei Posteinwurf im Briefkasten sowie einer Wohnungstür, die per Bluetooth vom Smartphone aus geöffnet wird. Auch von Energieeinsparung »bis zu 30%« ist die Rede, doch Komfort, Sicherheit und Exklusivität stehen klar im Vordergrund. Eine zwiespältige Botschaft: Sie nährt latente Vorurteile, die in smarten Gebäuden einen verzichtbaren Luxus sehen.

High Tech hinter Gründerzeitfassade: Das Hamburger »Apartimentum« von Investor Lars Hinrichs., Foto: HGEsch, Hennef

Weniger Technik – mehr Intelligenz?

Am Abbau solcher Vorbehalte arbeitet auch DIAL in Lüdenscheid mit seinem Fachbereich Smart Building, wo Architekten, Ingenieure, Betreiber und Handwerker zum Thema Smart Building beraten werden. Dort beobachten die Experten Projekte wie die Hamburger High-Tech-Apartments ebenso aufmerksam wie Bauten, die eine Gegenthese verkörpern – etwa das Bürohaus »2226« der Architekten Baumschlager Eberle in Lustenau bei Bregenz. Der archaische, sechsstöckige Klotz hat den Anspruch, ohne Heizung, Kühlung und mechanische Lüftung das ganze Jahr über ein angenehmes Klima zu bieten. Den Wärmeeintrag liefern Nutzer und Bürotechnik, Temperaturstabilität gewährleistet die thermische Masse der 76 cm starken Außenwände. Low Tech versus High Tech – lässt sich die Zukunft des Bauens darauf zuspitzen? Ganz so einfach ist es nicht, denn das Haus »2226« verzichtet zwar auf Technik, aber nicht auf Intelligenz: CO2-Sensoren überwachen die Luftqualität, Lüftungsklappen öffnen und schließen sich automatisch, auch nach dem manuellen Öffnen. Was im Voraus simuliert wurde, wird im Betrieb gemessen und dokumentiert – nicht zuletzt um das Funktionieren des Ansatzes zu bestätigen.

Das Bürohaus »2226« der Architekten Baumschlager Eberle in Lustenau bei Bregenz., archphoto, inc. © Baumschlager Eberle Architekten

Monitoring: für die Lernkurve

Prof. Willem Bruijn, Partner bei Baumschlager Eberle, bringt in diesem Zusammenhang den Begriff des »Prototypen« ins Spiel.1 Tatsächlich: Verglichen mit Serienprodukten wie Autos oder Flugzeugen sind Gebäude Prototypen, die mit teils erheblichem Aufwand zum Funktionieren gebracht werden. Schon 2004 deckte der Ingenieur Werner Eicke-Hennig auf, dass viele als ökologisch gefeierte Neubauten ihre energetischen Versprechen in der Praxis nicht einlösen konnten.2 Die Nutzung intelligenter, vernetzter Sensoren für ein transparentes Gebäude-Monitoring wie im Haus »2226« zeigt in die richtige Richtung: So erzielen Architekten und Ingenieure eine Lernkurve. Entsprechende Daten sammelt und publiziert zum Beispiel die EnOB-Datenbank des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme.3

Reduziert und trotzdem intelligent: In den Fensterlaibungen sind die automatisch gesteuerten Lüftungsklappen erkennbar., archphoto, inc. © Baumschlager Eberle Architekten

Bus-Installation – kein Selbstläufer

Auch gegenüber privaten Bauherren sind Referenzprojekte, die sowohl technisch als auch wirtschaftlich funktionieren, das beste Argument. Doch der Systemintegrator Klaus Geyer schätzt, dass »etwa die Hälfte aller KNX-Anlagen nicht sauber läuft.«4 Mangelnde Struktur bei Adressvergabe und Programmierung, aber auch fehlende Dokumentationen erschweren die Fehlersuche. Private Projekte seien, so Geyer, in gewisser Hinsicht anspruchsvoller als gewerbliche: Jeder Raum im Privathaus hat eine andere Funktion, jeder Bauherr individuelle Wünsche und Bedürfnisse. Damit kommen wir zu den Bedienkonzepten – die sollten sich doch leicht nach Low Tech oder High Tech sortieren lassen. Schalter und Steckdose: Eindeutig Low Tech. Aber sind KNX-Tasterfelder mit 12 Wippen High Tech? Oder Funksysteme, die über komplizierte Morsecodes via Taster konfiguriert werden? Selbst das Smartphone als Bediengerät ist inzwischen Normalität. High Tech wird dagegen zunehmend immateriell: Ohne visuelles Interface reagiert die Technik auf Sprache, Gesten und Verhalten des Nutzers. Sie ist lernfähig und antizipiert Wünsche und Bedürfnisse. Noch löst künstliche Intelligenz solche Aufgaben durch Anhäufen von Informationen zum Nutzerverhalten, was neue Probleme mit Datenschutz und -Sicherheit generiert.

Wenn Kulturen kollidieren

Smart Buildings, das sollten alle Akteure akzeptieren, sind zugleich Software-Projekte mit allen Implikationen. Laptop und Phasenprüfer sind gleich wichtig; die große Herausforderung bleibt die Qualifikation von Handwerkern und Wartungspersonal. Offene Protokolle, konsequente Dokumentation sowie Konzepte zur Datensicherheit müssen ebenso selbstverständlich werden wie die Bereitschaft beim Bauherren und Betreiber, kontinuierlich in Wartung und Updates zu investieren.

Die typischen Update-Zyklen des Smartphones als universellem Bediengerät kollidieren mit den deutlich längeren Zyklen der Haustechnik. Eine ausgereifte und schlanke Gebäude-Infrastruktur wie KNX können Apple, Google & Co. (noch) nicht ersetzen – wenn sich aber Funktionalität und damit Wertschöpfung zunehmend in die Software verlagert, wirkt sich das auf die Rolle der Hersteller von Haus- und Installationstechnik und ihre Geschäftsmodelle aus. Somit bleibt auch die Frage »Low Tech oder High Tech« offen. Die Herausforderung ist, in jedem individuellen Projekt aufs Neue die Balance aus Technikeinsatz, Wirtschaftlichkeit und menschlichem Maß zu treffen – und aus jedem Projektverlauf seine Lehren zu ziehen.


Über den Autor
Martin Krautter (47) ist Diplom-Designer und arbeitet als freier Autor und Journalist in Offenbach am Main. Nach einem Studium der Produktgestaltung an der HfG Offenbach war er von 1998 bis 2013 bei ERCO in Lüdenscheid für die Medienarbeit und Redaktion verantwortlich.

Quellen

1Nach: Weser-Kurier: Ein Haus ohne Haustechnik, Katharina Frohne 29.09.2016
2Werner Eicke-Hennig: Im Schwitzkasten, db deutsche bauzeitung 05|2004
3http://enob.ise.fraunhofer.de/website/enob/EnOB-Datenbank/Datenbank.html
4http://www.elektro.net/67994/weniger-ist-mehr-2/, 7. Oktober 2016

Titelbild
Das Hamburger »Apartimentum« von Investor Lars Hinrichs, Foto: HGEsch, Hennef