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06. April 2017
Lighting ›

Human Centric Lighting:
Goldgrube oder Licht-Doping?

Human Centric Lighting, kurz: HCL, ist die englische Bezeichnung für Beleuchtung, die auch die nichtvisuellen Wirkungen von Licht berücksichtigt. Diesem aktuellen Forschungsgebiet, das sich insbesondere mit den gesundheitlichen Auswirkungen von optischer Strahlung auf den Menschen beschäftigt, droht momentan zweierlei: Einerseits die Vereinnahmung durch allzu forsches Marketing der Industrie – andererseits die Blockade durch Skeptiker, die im Fortschritt schnell eine Bedrohung wittern.

Die Standpunkte der Protagonisten aus Industrie, Forschung oder Arbeitsschutz sind dabei allesamt nachvollziehbar. Für die Beleuchtungsbranche bedeutet HCL neue Verkaufsargumente und Marktpotentiale, nachdem der hauptsächlich vom Thema Effizienz getriebene Wechsel von konventionellen Lichtquellen zur LED weitgehend vollzogen ist. Die höhere Wertschöpfung der HCL-Produkte sowie ihre notwendige Ausstattung mit digitaler Steuerung sind sehr willkommen und bieten auch mit ihren Bedien-Interfaces die Chance, sich strategisch innovativ zu positionieren. Vermittler und Medien, stets auf der Suche nach griffigen neuen Trends, nehmen das Thema dankbar auf: Der Hype kommt ins Rollen.

Im Dienst des Marketings

Munition für den Marketingfeldzug erhoffen die Hersteller von der Wissenschaft. Doch Wissenschaftler und Marketingleute sprechen nicht die gleiche Sprache: Positive, eindeutige Botschaften zur Absatzförderung sind für das Marketing legitim, während Wissenschaftler stets abwägen, differenzieren und hinterfragen – und sich auch nicht immer einig sind. Damit umzugehen, fällt dem Marketing schwer.

Dabei sind die jüngeren Erkenntnisse der Chronobiologen, Schlafforscher und Lichtmediziner zu den nichtvisuellen Wirkungen des Lichts tatsächlich vielversprechend und von hoher Relevanz für die Planung von Aufenthaltsräumen für Menschen. Einige Erkenntnisse, wie ein positiver Effekt von Licht, das Weißton und Intensität des natürlichen Lichts im Tageslauf nachahmt, dürfen als gesichert gelten: Schüler waren konzentrierter und leistungsfähiger, Demenzpatienten ruhiger und orientierter. Doch hinsichtlich der komplexen physiologischen Wirkzusammenhänge, der Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Beleuchtungsarten im Lauf des Tages und auch der Frage, wie sich HCL gerade bei den verschobenen Biorhythmen etwa von Schichtarbeitern langfristig auswirkt, besteht noch viel Forschungsbedarf.

Zu früh für Normung

So begründet auch die die Kommission Arbeitsschutz und Normung (KAN) ihre Ablehnung der DIN SPEC (Fachbericht) 67600 mit ihren Planungsempfehlungen zur biologisch wirksamen Beleuchtung: Ausreichend gesicherte Erkenntnisse fehlten, eine Fehlinterpretation bei der Anwendung der Planungsempfehlungen sei nicht ausgeschlossen. Wohlgemerkt: Dass sich Licht auf Gesundheit, Leistungsvermögen und Wohlbefinden sehr viel stärker auswirkt als bisher vermutet, erkennt die KAN an – doch zieht sie daraus eben den Schluss, auf »Nummer Sicher« zu gehen. Solange bleiben die Anforderungen an die Beleuchtung der ASR A3.4 für Arbeitsstätten in Deutschland verbindlich und HCL-Konzepte bewegen sich gegebenenfalls außerhalb der Norm – mit allen rechtlichen Risiken.

Entsprechend kommen die »First Movers« in Sachen HCL-Anwendung oft selbst aus der Licht- oder Büroausstattungsbranche: Solche Unternehmen müssen zukünftige Entwicklungen ihrer Absatzmärkte vorwegnehmen. Zum Beispiel das Lichtlabor Bartenbach in Aldrans, Tirol, wo die Büros der Entwicklungsabteilung mit einer aufwendigen HCL-Beleuchtung inklusive Tageslichtregelung ausgerüstet wurden. Oder auch in den Büros der Firma feco Systeme in Karlsruhe, ausgestattet mit digital vernetzten HCL-Stehleuchten. In beiden Fällen ist die Akzeptanz groß, nicht zuletzt dank transparenter Planungs- und Entscheidungsprozesse.

Versuchskaninchen und Bedenkenträger

Ein anderes Bild zeichnet die Erfahrung, die DIAL-Kollege Jürgen Spitz aus seiner Planungspraxis beisteuert. Die Entwurfspräsentation eines HCL-Konzeptes vor betroffenen Schichtarbeitern einer Leitwarte verlief überraschend: Einige Mitarbeiter beharrten auf buchstaben- und zahlengetreuer Einhaltung der geltenden Vorschriften für Beleuchtung und befürchteten, als »Versuchskaninchen« missbraucht zu werden. Es wird deutlich: Nicht nur das lichtplanerische Ziel, auch der Umsetzungs-und Vermittlungsprozess muss präzise und professionell ausgearbeitet werden. Eine ganzheitliche Sicht auf das Wohlbefinden am Arbeitsplatz umfasst immer auch Fragen der Unternehmens- bzw. Organisationskultur.

Bedenken bei Betroffenen sind verständlich, wenn gesundheitliche Wirkungen plötzlich so stark im Fokus stehen wie bei HCL-Konzepten. Denn dass jede gesundheitliche Wirkung auch Neben- und Wechselwirkungen haben kann, sagt der gesunde Menschenverstand. Der Prozess sollte deshalb offen für Ängste und Sorgen sein und kontroverse Standpunkte akzeptieren. Die Vertreter von Mitarbeiterinteressen wie Betriebsräte, Gewerkschaften oder auch der Arbeitsschutz stehen in der Verantwortung, solche Bedenken konstruktiv zu kanalisieren. Denn dass die überkommenen Normen angesichts der neuen Forschungsergebnisse in Sachen biologisch wirksames Licht ein Optimum darstellen, kann keiner glauben.

Mehr Offenheit in der Debatte

Aber auch die Industrie sollte behutsamer mit dem Thema HCL umgehen: Eine einseitig positive Darstellung dieser Technik ist nicht glaubwürdig und fordert entsprechende Reflexe der anderen Seite heraus. Und die Forscher kann man nur ermutigen: Lasst nicht locker, wahrt eure Standards, bleibt unvoreingenommen! Unsere Aufgabe als Vermittler ist, diesem Diskurs Plattformen zu bieten, vorgefasste Standpunkte in Frage zu stellen und komplexe Sachverhalte verständlich zu kommunizieren. Denn vom gemeinsamen Ziel, hier in Deutschland Beleuchtungstechnologie zu entwickeln, die die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen nachhaltig verbessert, profitieren alle.