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29. August 2016
Lighting Design ›

Ist die aktuelle EN 12464-1 eine allgemein anerkannte Regel der Technik?

Vor genau fünf Jahren, also im August 2011, wurde eine Neufassung der EN 12464-1 zur Beleuchtung von Arbeitsstätten in Innenräumen veröffentlicht. Diese Neufassung führt gegenüber des Vorgängers zusätzliche Kriterien und Verfahren ein. Doch haben sich die Neuerungen in der Praxis bewährt? Wo steht die Norm nach unserer Erfahrung heute?

»Neues« macht uns neugierig. Wir probieren »Neues« gerne aus: Bietet es einen (Mehr-) Nutzen? Erreichen wir ein Ziel besser, einfacher oder schneller? Durch Ausprobieren machen wir Erfahrungen. Und wir teilen diese mit anderen. Es entsteht ein Prozess, in dem sich zeigt, ob das »Neue« sinnvoll ist und einen positiven Nutzen mit sich bringt.
Diese Erfahrungen hat der Planer mit der Vorgängerversion machen können. Zum Beispiel waren die Mindestwerte für die mittlere Beleuchtungsstärke für den Arbeitsbereich von 500 lx und den Umgebungsbereich von 300 lx allgemein bekannt und hatten sich auch praktisch bewährt.
Wie steht es also mit den Neuerungen der EN12464-1:2011-08? Wie weit haben sie Einzug in die praktische Anwendung gefunden? Wie weit verbreitet und bekannt sind sie? Ist das normative Regelwerk zu einer »allgemein anerkannten Regel der Technik« geworden? Und bietet sie damit eine sichere Basis, um sich rechtlich darauf berufen zu können?

Zum Einstieg zunächst ein Überblick über die wesentlichen Neuerungen der EN12464-1:2011-08 und ihre Zielsetzungen.

Die Beleuchtungsstärke auf Oberflächen

Das Kriterium bezieht sich auf die Hauptoberflächen des Raumes wie Wände und Decke. Hier sind der Wartungswert der mittleren Beleuchtungsstärke und dessen Gleichmäßigkeit nachzuweisen. Betrachtet man die Norm genauer, lässt sich als Ziel eine »ausgewogene Leuchtdichteverteilung« im Sehfeld und die Schaffung einer hellen Raumwirkung ableiten.

Beleuchtungsstärke auf Oberflächen, Grafik: DIAL

Der Hintergrundbereich

Der Hintergrundbereich ergänzt die Bereiche, die auch bisher in Bezug auf den Arbeitsplatz näher zu betrachten waren. Somit werden der Bereich der Sehaufgabe und der unmittelbare Umgebungsbereich nun von einem Hintergrundbereich, mit einer Mindestbreite von 3 m, umschlossen. Für alle drei Flächen ist entsprechend die mittlere Beleuchtungsstärke mit einer definierten Gleichmäßigkeit zu prüfen. Mit der Betrachtung dieses zusätzlichen Bereiches soll eine ausreichende Beleuchtung für Arbeitsplätze in Innenräumen gewährleitstet werden, insbesondere bei fehlender Tageslichtversorgung.

Lage des Hintergrundbereichs, Grafik: DIAL

Die mittlere zylindrische Beleuchtungsstärke

Die mittlere zylindrische Beleuchtungsstärke im Tätigkeitsbereich wird als ein weiterer Parameter für die räumlichen Beleuchtungsverhältnisse eingeführt. Ziel ist es, Objekte im Raum gut erkennbar zu machen, das Erscheinungsbild von Menschen im Raum zu verbessern und somit die Kommunikation zu unterstützen. Zusätzlich zur allgemein bekannten Nutzebene, wird hier eine neue horizontale Ebene betrachtet. Dabei unterscheidet man je nach Tätigkeit zwischen einer Höhe von 1,20 m für sitzende, und 1,60 m für stehende Personen. Maßstab sind hier allgemeine Mindestwerte zum Wartungswert der zylindrischen Beleuchtungsstärke, sowie der Gleichmäßigkeit. Bereiche wie Büros, Besprechungs- und Klassenräume sind besonders zu betrachten.

Die mittlere zylindrische Beleuchtungsstärke, Grafik: DIAL

Finden die Neuerungen Anwendung?

Mit diesen Neuerungen sind somit weitere beleuchtungstechnische Anforderungen in Bezug auf Quantität und Qualität der Beleuchtung beschrieben. Konkrete Lösungen werden jedoch nicht festgelegt. Ziel des Regelwerks ist es, den Planer dabei zu unterstützen, Lichtkonzepte zu schaffen, die gute Sehverhältnisse und einen hohen Sehkomfort am Arbeitsplatz gewährleisten.

Eine gute Basis also, um eben genau die anfangs erwähnte Neugier zu wecken: Wir könnten eine Lichtplanung gemäß dieser Norm durchführen und bleiben dabei aber frei in der Lösungsfindung. Wir könnten eigene Erfahrungen sammeln, uns mit Kollegen austauschen und am Ende beurteilen, ob ein positiver Nutzen entstanden ist. Doch genau an dieser Stelle hakt es nach unserer Erfahrung. Es kommt gar nicht erst soweit. Es wird nicht ausprobiert.
Informationen über Erfahrungen der tatsächlichen Anwendung gibt es kaum.

Unser Austausch mit Lichtplanern und Leuchtenherstellern, mit Seminarteilnehmern und durch unsere eigene Arbeit als freie Lichtplaner wird es deutlich, dass sich die neue Norm nicht durchgesetzt hat. Viele Lichtplaner haben Werte zu Raumoberflächen oder der zylindrischen Beleuchtungsstärke noch nie nachweisen oder prüfen müssen. Genaue Gründe dafür lassen sich nicht einfach definieren. Diverse Gespräche und eigene Erfahrungen bestätigen jedoch, dass ein gutes Beleuchtungskonzept auch ohne diese Neuerungen entstehen kann. Das spiegelt auch unseren Eindruck wieder, dass viele Planer nur Teile der Norm anwenden. Anwendung findet somit überwiegend das, was auch schon durch die Vorgängerversion aus dem Jahr 2003 Bestand hatte.

Ist die Norm eine allgemein anerkannte Regel der Technik?
Dieser Eindruck lässt Zweifel aufkommen, ob die aktuelle Norm als »allgemein anerkannte Regel der Technik« definiert werden kann. Doch was genau versteht man darunter? Eine Definition dieses Begriffs findet sich nicht explizit in der Rechtsprechung, dennoch ist er in einigen Regelungen, wie der Bauordnung oder der VOB Teil B zu lesen.

»Anerkannte technische Regeln sind diejenigen Prinzipien und Lösungen, die in der Praxis erprobt und bewährt sind und sich bei der Mehrheit der Praktiker durchgesetzt haben.«
Quelle: Praxishinweis »Regel der Technik«, Architektenkammer NRW

Das bedeutet, die Prinzipien müssen nicht nur durch wissenschaftliche Erkenntnisse belegt werden, sondern vielmehr durch praktische Erfahrungen, einen allgemeinen Bekanntheitsgrad und der Bewährung in der Praxis bestärkt werden. In der deutschen Rechtsprechung besteht grundsätzlich die Vermutung, dass eine Norm die anerkannten Regeln der Technik wiederspiegelt. Somit wird ihr schnell eine rechtliche Bedeutung zugesprochen. Die Behauptung, dass ein normatives Regelwerk nicht den allgemein anerkannten Regeln der Technik entspricht, ist beweispflichtig.

Es muss also bewiesen werden, dass die Regel mindestens eines der folgenden Merkmale nicht erfüllt:
1.    basiert auf wissenschaftlicher Erkenntnis
2.    es liegen praktische Erfahrungen vor
3.    ist allgemein bekannt
4.    hat sich in der Praxis bewährt

Unterscheidung der Bezeichnungen »allgemein anerkannte Regel der Technik«, »Stand der Technik«, »Stand der Wissenschaft«. Quelle: Manfred Puche

Im Falle der EN 12464-1:2011-08 sehen wir keinesfalls, dass alle 4 Merkmale vorbehaltlos erfüllt sind.

Was bedeutet das für die EN12464-1:2011-08?

Kann ihr für die Beurteilung der Qualität einer Lichtplanung eine rechtliche Bedeutung zugewiesen werden? Besonders in Bezug auf zu klärende Planungsmängel könnte ihr Inhalt eine große Rolle spielen. Die Vorgängerversion der Norm aus dem Jahre 2003 war auf einem guten Wege, eine anerkannte Regel der Technik zu werden. Doch die heutige Situation ist problematisch. Nach unserer Einschätzung zeichnet es sich nicht ab, dass die Neufassung der Norm zum fünfjährigen Jubiläum als allgemein anerkannte Regel der Technik angesehen werden kann.

Anmerkung:
Der Artikel betrachtet schwerpunktmäßig die rechtliche Situation in Deutschland.