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Kann man Identifikationsmerkmale
intelligenter Gebäude standardisieren?

Die Selbstverwirklichung steht dabei an der Spitze menschlicher Bedürfnisse. Der Antrieb nach Selbstverwirklichung lässt jeden Menschen danach streben, sein Leben im Rahmen der sich bietenden Möglichkeiten zu gestalten und individuelle Lebensvorstellungen in die Tat umzusetzen. Was verbirgt sich aber hinter diesem Begriff im Einzelnen? Was ist Selbst? Was ist Verwirklichung? 

Selbst-Verwirklichung

Viele Menschen neigen dazu, die komplexe Frage nach dem Selbst als die Persönlichkeit eines Menschen zu verstehen. Aber was ist das wesentliche Merkmal einer Persönlichkeit? Richtet man den Blick zunächst auf Äußerlichkeiten wie Kleidung, so wird man zwar sagen »[…] das ist typisch für den/die […]«. Den Umkehrschluss jedoch, ohne diese Kleidung wäre der/die nicht mehr dieselbe Person, trifft nicht zu. Ein wenig anders verhält es sich bei körperlichen Merkmalen wie Körpergröße, Körperbau, Augenfarbe oder Haarfarbe. Natürlich erkennt man eine Person zunächst an ihren körperlichen Merkmalen. Die Schlussfolgerung jedoch, genau diese Merkmale wären ausschließlich einer bestimmten Persönlichkeit zugeordnet, treffen auch hier nicht zu. Persönlichkeiten lassen sich somit vorwiegend anhand ihrer Äußerungen unterscheiden und sind dann zu erkennen, wenn sie in ihren Äußerungen nicht nur wahrnehmbar sondern auch unterscheidbar sind. Genau dieses Selbst sucht nach Verwirklichung. Darunter wird ein Prozess verstanden, in dem aufgrund einer bestimmten Absicht, im konkreten Fall ein Gebäude zu bauen, Wirklichkeit entsteht, nämlich das Gebäude.

Identifikation

Der Mensch ist demzufolge alleine fähig, Merkmale seiner Persönlichkeit (Selbst) Wirklichkeit werden zu lassen (Verwirklichung). Durch den Menschen gestaltete Wirklichkeit ist also im Ursprung immer eine wahrnehmbare und unterscheidbare Äußerung von Vorstellungen. 

Es ist aber ebenso möglich, das Eigene in einer durch Andere gestalteten Wirklichkeit zu erkennen. Stimmt ein Mensch einer durch andere Menschen gestalteten Wirklichkeit zu, so erkennt er darin das Eigene ohne überhaupt Verursacher zu sein. Dieser Vorgang wird als Identifikation bezeichnet. 

Dies bedeutet im Umkehrschluss Zustimmung zu den Unterscheidungen zwischen richtig oder falsch, gut oder böse, schön oder hässlich, etc., die zu der Wirklichkeit geführt haben. Dieses Urteilsvermögen ist nicht angeboren, sondern wird auf Grundlage gesellschaftlicher Wertesysteme erworben. Somit ist es möglich, das Eigene in einer durch Andere gestalteten Wirklichkeit zu erkennen, wenn eine Übereinstimmung von Wertesystemen vorhanden ist.  

 

Wertesysteme

Welche Werte als wichtig eingestuft werden ist keine empirische Frage und daher stets umstritten. Anfang der 90er Jahre entwickelte der Psychologe S. Schwartz eine Theorie über Inhalte und Struktur eines individuellen Wertesystems. Schwartz zufolge formen zehn grundlegende Wertetypen ein Gesamtsystem, denen einzelne Grundwerte zugeordnet werden. Innerhalb der Kreisstruktur der Wertetypen liegen unvereinbare Werte einander gegenüber, sich ergänzende und unterstützende Werte sind nahe beieinander zu finden. Im nächsten Schritt organisiert Schwartz die Struktur der zehn Wertetypen in zwei entgegengesetzte Dimensionen. Diese zwei Dimensionen werden von vier Wertetypen höherer Ordnung, den so genannten Standardtypen, gebildet. 

Theorien wie die von Schwartz beinhalten natürlich keine echte Allgemeingültigkeit sondern eher Tendenzen, da einzelne Persönlichkeiten immer subjektiv bewerten. Trotzdem zeigen sich hier beispielhaft Fragestellungen, aus denen sich letztendlich Inhalte für den Planungsprozess eines Gebäudes bzw. einer Technik ableiten lassen können:

  • Wer (welche Zielgruppe) soll sich vornehmlich mit dem Gebäude mit seiner Technik identifizieren?
  • Womit (mit welchen Werten) identifiziert sich die Zielgruppe?

Zu welchem Grad alle Planungsverantwortlichen einen Wertetyp bzw. eine Kombination von Werten wahrnehmbar gestalten, entscheidet über das Maß an Identifikation der Zielgruppen.

 

Gestaltungsspielraum

Inwieweit kann nun Identifikation durch technische Systeme konzeptionell und durch bewusste Planung erreicht werden? Grundsätzlich gibt es zwei Einflussmöglichkeiten, die jeweils Identifikation hervorrufen können: Funktionalität und Erscheinungsbild. 

Der Einfluss technischer Systeme auf die Funktionalität ergibt sich direkt durch die Konzeption dieser Systeme und die damit verbundene Frage der Nutzbarkeit im Sinne der Bauaufgabe. Die Funktionalität wird aber auch durch die Art und Weise beeinflusst, wie die technischen Systeme in die Struktur eines Gebäudes eingreifen und damit indirekt die gesamte Nutzbarkeit prägen. 

Das Erscheinungsbild wird direkt durch sichtbare technische Komponenten und die damit verbundene Frage des Produktdesigns beeinflusst. Die Produkte sind dabei in der Regel nicht isoliert für sich zu betrachten, sondern sollten die gleichen Planungsziele wie die Architektur eines Gebäudes verfolgen. Somit wird ein einheitliches Erscheinungsbild sichergestellt und Identifikation erreicht. Der Einfluss auf das Erscheinungsbild ergibt sich aber auch durch die Art und Weise, wie die technischen Systeme in die Struktur eines Gebäudes eingreifen und damit indirekt sein Erscheinungsbild prägen. Selbstverständlich existiert für alle Planungsverantwortlichen ein Gestaltungsspielraum zwischen beiden Möglichkeiten.