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11. Mai 2015
Lighting ›

Praxisbericht Lichtplanung »Zum Schwejk«.

Raumaufteilung und Innenarchitektur

Im Wirtshaus »Zum Schwejk« gibt es sechs verschiedene Gasträume mit sehr unterschiedlichen Größen, Raumelementen und Ausstattungen. Durchgehend prägen dunkle tragende Holzbalken das Bild, die sich optisch von den weiß verputzten Wänden absetzen. Es ist fast kein rechter Winkel zu finden. Von der Jahrhundertwende bis in die 1970er Jahre war im unteren Geschoss eine Bäckerei eingerichtet. Heute ist diese alte Backstube ebenfalls als Gastraum eingerichtet und besitzt durch die noch erhaltenen Gerätschaften und Öfen einen besonderen Charme. Im Untergeschoss befinden sich darüber hinaus noch zwei alte Kellerräume mit Tonnengewölben aus sichtbaren Bruchsteinen gemauert, die ebenfalls als Gastraum genutzt werden. 

Im Kontrast zum Untergeschoss hat der größere Saal im Obergeschoss, der direkt vom Eingang aus zugänglich ist, einen vollkommen anderen Charakter: Hier verzieren Stuck und eine Plastik den Raum.

Im Außenbereich wiederholen sich diese zwei verschiedenen Charakterzüge der Innenräume. Die Vorderseite, die zur Fußgängerzone gelegen ist, zeigt eine verwinkelte und »krumme« Fassade, typisch für die Entstehungszeit des Gebäudes, mit kleinen Fensteröffnungen. Die Rückseite, zum Kirchplatz gelegen, zeigt Verzierungen mit korinthischen Säulen aus dem Historismus.

Licht kann erheblich zum Wohlbefinden und zur Leistungsfähigkeit beitragen.

 

 

Lichtkonzept im Innenraum

Unser vorrangiges Ziel ist es eine Beleuchtung zu schaffen, die den urigen und historischen Charakter, die gemütliche Atmosphäre der Gasträume, mit einem warmen Licht unterstützt. Besonderheiten, wie die Ausstellungsstücke in der alten Bäckerei, das Bruchsteinmauerwerk im Gewölbekeller oder ein Wandgemälde, sollen für den Betrachter hervorgehoben werden. Realisiert haben wir dies durch dreh- und schwenkbare Deckenanbauleuchten, die zwischen den hölzernen Deckenbalken montiert wurden. Bestückt wurden die Leuchten mit jeweils zwei Niedervolt-Halogen-Glühlampen mit Reflektor, da diese die gewünschte warme Lichtfarbe von 3.000 K bei gleichzeitig hervorragender Farbwiedergabe besitzen und im gedimmten Zustand noch wärmer werden, bis zu 2.000 K. Je nach angestrahltem Objekt wurden unterschiedliche Halbstreuwinkel oder zusätzliche Linsen mit linienartiger Lichtverteilung verwendet. Für die Akzentuierung der Tische etwa engstrahlende Halbstreuwinkel von 10°, für die Wandgemälde breitstrahlende Halbstreuwinkel von 60°, für die Treppen Linsen mit länglicher Lichtverteilung. Damit die an der Decke montierten Leuchten möglichst unsichtbar erscheinen, sind die Gehäuse von außen weiß und von innen schwarz lackiert. Bei der Planung kam uns zu Gute, dass die Positionen der Tische bereits festgelegt waren. Somit konnten wir die Tische von vorneherein mit einbeziehen und gezielt mit engstrahlenden Spots akzentuieren. Die alten Gerätschaften in der Bäckerei werden durch Streiflicht mit drei engstrahlenden Spots hervorgehoben. 

Im bereits erwähnten Gewölbekeller haben wir das gleiche Konzept angewendet. Um aufwendigen Bohrungen in das Bruchsteinmauerwerk zu vermeiden ist die Befestigung der engstrahlenden Spots hier mittels eines Seilsystems realisiert. Diese Spots erzeugen hier ebenfalls die Akzente auf den Tischen. Hinter den Sitzbänken sind engstrahlende lineare LED Profile montiert, die ein Streiflicht auf die Bruchsteinwände setzen, um die Struktur der Steine hervorzuheben. Ebenfalls mit einer warmen Lichtfarbe von 2.700 K. 

In den Räumen enthaltende nostalgische Wandleuchten oder Laternen haben wir erhalten und mit stark gedimmten dekorativen Glühlampen bestückt. Diese dekorativen Leuchten tragen erheblich zur gemütlichen Atmosphäre der Räume bei.

Der größere Saal im Obergeschoss hat seinen festlichen Charakter erhalten. Auf Wunsch des Inhabers wurden in den vorhandenen Kronleuchtern die konventionellen Leuchtmittel durch dimmbare LED-Leuchtmittel ausgetauscht, die eine Farbtemperatur von 2.400 K aufweisen. Alle Leuchten, die im Innenraum verbaut sind, sind dimmbar, um die unterschiedlichen Beleuchtungsszenarien untereinander gut abstimmen zu können.

 

 

Lichtkonzept Außenraum

Planungsfokus für den Außenraum war es, ein hohes Maß an Fernwirkung zu erzielen und das Gebäude entsprechend in Szene zu setzen. Um die gewünschte Fernwirkung zu erzielen, wurden die Fensterlaibungen durch kleine Anbaustrahler mit Streiflicht beleuchtet. Da jedes Fenster des alten Gebäudes unterschiedlich ist, wurde hier jede Leuchte den Laibungen folgend einzeln ausgerichtet und montiert. Als optische Begrenzung des Gebäudes wird der Dachgiebel durch einen kleinen engstrahlenden LED Spot angestrahlt.

Aus Gründen des Denkmalschutzes war es notwendig, dass so wenig wie möglich in die Außenfassade eingegriffen wird. Deshalb wurden alle engstrahlenden LED-Leuchten, die den Eingang, ein Wand-Relief oder die Schilder anleuchten, am sichtbaren Ringanker befestigt. Dabei wurden für das Relief und den Eingang Linsen verwendet, die eine breite Lichtverteilung möglich machen, um etwa die Treppe vollständig mit nur einer Leuchte zu beleuchten. Bei der Beleuchtung der Schilder sorgen Blenden für eine Begrenzung des Lichtkegels. Alle Lackierungen der verwendeten Außenleuchten sind nach den jeweiligen Untergründen ausgewählt, um unserem Wunsch nach Unsichtbarkeit und den Zielen der unteren Denkmalbehörde entsprechen zu können.

Der neoklassizistische Charakter am Kirchplatz wird durch die Beleuchtung der korinthischen Säulen und des dort angebrachten Schriftzuges »Zum Schwejk« unterstützt. Gezielt wird vom Kapitell aus Streiflicht für die Säulen eingesetzt, um für indirektes Licht im Terrassenbereich zu sorgen. Die warme Beleuchtung der vertikalen Flächen (Fensterlaibungen, Säulen), sowie die Ausstattung der historischen Straßenleuchten mit glimmenden dekorativen Glühlampen, sollen die Gastlichkeit der Lokalität unterstreichen. 

Der sympathische »schiefe und krumme« Charakter des Gebäudes wird durch die ausschließliche Verwendung von LED Leuchten mit warmer Lichtfarbe von 2.700 K unterstützt: Die Beleuchtung soll als warmer einladender Kontrast zur geordneten kalt-weiß beleuchteten Fassade des alten Rathauses stehen, welches sich in unmittelbarer Nähe befindet.

 


Bemusterung und Umsetzung

Die optimale Situation, dass sich Planungsbüro, Planungsobjekt, Auftraggeber und ausführende Handwerker in der gleichen Stadt befinden und fußläufig zu erreichen sind, ermöglichte uns eine enge Zusammenarbeit mit allen Beteiligten. So konnte etwa bei Probebeleuchtungen für den Innen- und Außenraum direkt auf die Wünsche des Auftraggebers und des Pächters eingegangen und schnelle Entscheidungen getroffen werden. Auch war es ein seltener Luxus, Musterleuchten direkt am Objekt 1:1 ausprobieren zu können. Die kurzen Wege erwiesen sich zum großen Vorteil bei der Ausführungsplanung. Durch die schwierigen Räumlichkeiten, keine rechten Winkel und sich kaum wiederholende Regeln bei der Platzierung, konnten viele Leuchtenpositionen nur im Gespräch geklärt und vermessen werden.

Seit Ende August 2014 hat das Wirtshaus »Zum Schwejk« in Lüdenscheid wieder geöffnet. Nach aufwendiger Sanierung, mit neuem Pächter und in neuem Licht, knüpft es nahtlos an die frühere Reputation an.

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