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09. März 2016
Smart Building ›

Smarte Gebäude durch Automation. Die Natur als Vorbild für die perfekte Vernetzung.

Um gleich mit einem weit verbreiteten Irrtum aufzuräumen: Ein Gebäude ist nicht »smart«, wenn es sich mit einem Smart-Device, also dem Smartphone und dergleichen, bedienen lässt. Ganz im Gegenteil: Was soll daran smart sein, das Gerät aus der Tasche zu holen, über das Display zu wischen, den 4-stelligen PIN einzugeben, die Gebäude-App zu starten, das Menü »Licht« zu öffnen und schließlich die Lichtszene »Alles an« aufzurufen? Im Vergleich dazu ist jeder klassische Lichtschalter smart.

Nein, smart ist etwas anderes: Nutzer eines Gebäudes müssen nichts weiter tun, als sich natürlich zu verhalten. Die im Gebäude verbaute Technik samt dazugehöriger Logik versucht, jedem individuell das zu geben, was er braucht. Optimale Temperatur, frische Luft, optimale Beleuchtung, Zugang zu Räumen, Sonnenschutz, Vernetzung mit Menschen, Informationen und vieles mehr. Natürlich bedarf es auch einer Schnittstelle, falls die Vorstellungen des Nutzers von optimal einmal von denen des Gebäudes differieren. In einem wirklich smarten Gebäude sollte das allerdings selten vorkommen.

Denn »Smart Building Design« umfasst das Planen des technischen Gesamtkonzeptes eines Gebäudes. Diese Disziplin existiert in der realen Baupraxis so gut wie nicht. Das Gewerke übergreifende Vernetzen sämtlicher Technik-Komponenten (vom Aufzug bis zur Zugangssteuerung) bietet einen genialen Funktionszuwachs ohne Mehrkosten, verglichen mit einer nach Gewerken getrennten oder nur teilvernetzen Automatisierung. Neben den drei bekannten Automatisierungs-Attributen »Energieeffizienz«, »Komfort« und »Sicherheit« bietet ein smartes Gebäude seinen Nutzern noch ganz andere Qualitäten, die sichvielleicht am ehesten mit »Freiheit«, »Natürlichkeit« und »Selbstbestimmtheit« beschreiben lassen.

Warum gibt es überhaupt noch Gebäude, die ohne smartes Technikkonzept geplant und gebaut werden? Warum haben viele Menschen Vorbehalte oder Angst vor einer Technisierung der Architektur, während sie in nahezu allen anderen Lebensbereichen die Technisierung begrüßen, unterstützen und befördern? Vermutlich liegt es zum einen daran, dass wir gelernt haben, dass Gebäude seit jeher weitestgehend dumm sind. Vermutlich liegt es aber auch daran, dass negative Erfahrungen mit Technik in Gebäuden gemacht wurden, die nicht vollständig mängelfrei war.

 

Auch wenngleich sich mit der heute verfügbaren Technologie bereits Hervorragendes realisieren lässt, muss die Technik in vielen Fällen besser gemacht werden. Diese Forderung trifft alle: Hersteller, die sich neuen Technologien stellen müssen, Planer, die den Workflow des Smart Building Design in den Planungsprozess integrieren müssen, und Installateure, die bekannte Pfade verlassen müssen. Aber nur durch reale Anwendung der heute verfügbaren Technik kann eine Optimierung stattfinden. Man lernt eben doch am meisten aus Fehlern.

 

Anfänglich waren alle technischen Entwicklungen meist nur eingeschränkt nutzbar. Das erste Automobil, der Benz Patent Motorwagen, war eine Zumutung. Die ersten Leuchten mit weißen LEDs waren eine Zumutung und die ersten 8-fach Tastsensoren waren - und sind - eine Zumutung. Technik durchläuft einen evolutionsartigen Entwicklungs- und Optimierungsprozess, der meist zu einer Erhöhung des Nutzens und der Akzeptanz führt. Sobald sich Technik natürlich anfühlt und sich intuitiv nutzen lässt, stellt man die Sinnhaftigkeit von Technik nicht mehr in Frage, sondern sieht sie als selbstverständlichen Teil des Lebens.

 

Dabei steht die Technik immer im Spannungsverhältnis zur Natur, beziehungsweise die Natur ist das große Vorbild der Technik. Was Automatisierung angeht, so spielt die Natur auf der Klaviatur der perfekten Vernetzung sämtlicher Zellen innerhalb eines Organismus. Sehen wir uns die Regulierung des Wärmehaushaltes unseres Körpers an. Unzählige Sensoren und Aktoren, kombiniert mit zahlreichen Algorithmen, können unsere Körpertemperatur nahezu konstant halten. Wir müssen und können an dieser Temperaturregelung nichts ändern. Sie passt einfach immer. Selbst das Fieber im Krankheitsfall ist eine Regelstrategie, um schneller gesund zu werden.

 

Automatisierung ist überall in der Natur zu Hause. Wenn man sich die Natur zum Vorbild nimmt, dann wird man von dem klassischen Planer-Leitbild »So wenig Automatisierung wie möglich - so viel Automatisierung wie nötig« abrücken und eher für die Forderung »So viel Automatisierung wie möglich« werben.