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Wann ist ein »Smart Building« wirklich »smart«?
Ein Erfahrungsbericht.

Dietmar Half, 01. Januar 2016

Denn die Grenzen zwischen Architektur (Design) und Gebäudetechnik (Technologie) sind mittlerweile fließend. Der Erfolg eines »smarten« Gebäudes steht und fällt mit der richtigen Planung dieser Technologien. Grundlage für die hochkomplexe technische Gebäudeausrüstung des DIAL Gebäudes war der Prozess des »Gebäude-System-Designs«: Auf Basis einer dezidierten Projektanalyse wurden alle wesentlichen Merkmale der Betriebs- und Bedienungsphilosophie des Gebäudes bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt des Architekturentwurfs gestaltet. Diese Merkmale bildeten die wesentliche Voraussetzung für das technische Gesamtkonzept und somit eine erfolgreiche Systemintegration moderner Automationstechnologien.

»Best-practice« moderne Gebäudeautomation 

Zu Beginn der Planungsphase stellt sich vielen Planern die Frage, welches Kommunikationssystem eingesetzt werden soll? Auf den ersten Blick scheint diese Frage sinnvoll zu sein. Bei genauerem Hinschauen merkt der Planer jedoch schnell, dass die Antwort nicht so einfach ist. Denn der Fokus sollte niemals primär auf einem bestimmten Kommunikationssystem liegen. Zuerst muss der Planer zusammen mit dem Bauherrn oder Betreiber des Gebäudes die projektspezifischen Anforderungen im Rahmen des »Gebäude-System-Design-Prozesses «klären. Wie sind die individuellen Bedürfnisse nach Energieeffizienz, Sicherheit und Komfort gelagert? Natürlich kann eine derartige Entscheidung erst dann getroffen werden, wenn der Planer einen guten Überblick über die charakteristischen Eigenschaften der unterschiedlichen Kommunikationssysteme der Gebäudeautomation (GA) besitzt. Ein weiterer wichtiger Faktor hierbei ist die Interoperabilität der Kommunikationssysteme, um somit herstellerunabhängig planen zu können. Bei DIAL erfolgt die intelligente Vernetzung der Automationseinrichtungen durch unterschiedliche Kommunikationssysteme, die in ihrer Summe das zentrale Nervensystem des softwaregesteuerten Gebäudes bilden. Es wurden bewusst mehrere Kommunikationssysteme eingesetzt, denn erst durch die intelligente Vernetzung gelang es die in der Projektanalyse spezifizierten Bedürfnisse nach Energieeffizienz, Sicherheit und Komfort zu erfüllen. 

 

Dokumentation der Betriebslogik: Ist das überhaupt nötig?

Konzeption, Systemintegration und Betrieb des Automationssystems im DIAL Gebäude wurden mit firmeneigenen Spezialisten durchgeführt. Allein die Tatsache, so viel technologisches Know How in der Firma zu haben, verleitete möglicherweise alle Beteiligten dazu, das Thema Dokumentation zu sehr auf die »leichte Schulter« zu nehmen. Technologisches Know How, welches sich lediglich in den Köpfen der Mitarbeiter und im Quellcode befindet, ist flüchtig. Und die Einarbeitungszeit für neue Mitarbeiter ist bei solch komplexen Systemen erheblich. Die Intelligenz eines intelligenten Gebäude (Smart Building) aber wird über geeignete Software erst durch hochqualifizierter Spezialisten zum Leben erweckt. Möchte man diese Intelligenz für andere Spezialisten möglichst barrierefrei zugänglich machen, ist eine detaillierte Dokumentation der Betriebslogik unabdingbar. 

 

Inspektion und Wartung: Brauche ich das überhaupt?

Die Garantie eines Neuwagens gilt nur dann, wenn der Wagen turnusmäßig gewartet wird. Dazu muss das Fahrzeug in die Werkstatt und wird über entsprechende Diagnosegeräte analysiert und gewartet. Schraubendreher und Laptop wirken dabei konkurrenzlos und selbstverständlich zusammen. Auch im Bausektor sind Wartungsverträge in vielen Gewerken Basis für Garantieansprüche. Ein Dachdecker wird nur Garantie für ein Flachdach übernehmen, wenn er mindestens einmal im Jahr das Dach wartet. Was für einen - aus  technologischer Sicht - eher einfachen Gebäudeteil gilt, ist unabdingbar für die Aufrechterhaltung der Betriebslogik eines intelligenten Gebäudes (Smart Building): Bei DIAL wird diese Aufgabe im Rahmen des technischen Facility Management (FM) maßgeblich von einem hochqualifizierten Mitarbeiter durchgeführt, der mit einem herkömmlichen Hausmeister so wenig gemeinsam hat wie ein Computer mit einem Taschenrechner. Nicht jeder Betreiber ist in der glücklichen Lage, solches Personal zu haben. In diesem Fall ist die kontinuierliche Betreuung und Wartung der Betriebslogik durch externe Dienstleister unumgänglich und sollte durch geeignete Wartungsverträge sichergestellt werden. 

 

Änderungen im laufenden Betrieb: Was muss ich beachten?

Optimaler Weise sollten Anpassungen am Automationssystem während des Gebäudebetriebs bereits im frühen Planungsstadium berücksichtigen werden. Der Bauherr muss sich dabei über zwei Dinge im Klaren sein: Wer kann die Änderungen im Gebäudebetrieb vornehmen und sind diese wirtschaftlich durchführbar. Denn auf den ersten Blick »einfache« Änderungen können auf den zweiten Blick weitaus aufwendiger und somit kostenintensiver sein. DIAL besitzt weitreichendes Know How im eigenen Haus, um große und kleine Änderungen am Automationssystem jederzeit vornehmen zu können Was ist aber mit der Mehrzahl von Betreibern, denen das nicht möglich ist? Und was müssen sie für solche »einfachen« Änderungen bezahlen?

 

Wie bekomme ich ein wirklich »smartes« Gebäude? 

Die hier skizzierten Erfahrungen können vorrauschauend, also intelligent, vermieden werden, wenn die daraus gewonnen Erkenntnisse in der integralen Planung eines Intelligenten Gebäudes (Smart Building) ausreichend diskutiert und dann bei Realisierung und Betrieb berücksichtigt werden. Denn ein intelligentes Gebäude (Smart Building) ist nur dann intelligent, wenn auch seine Planer, Hersteller, Bauunternehmer und Betreiber intelligent denken und handeln. Hier befindet sich der Bausektor mit seiner 10.000jährigen Geschichte nicht am Ende einer neuen Entwicklung, sondern erst am Anfang einer neuen Architektur.